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Roman Lietz: Drei gute Taten

„Hausaufgaben!“ Meine „Schüler“ scharren empört mit den Füßen, stöhnen auf und protestieren nicht ganz leise. Meine „Schüler“, das sind Langzeitarbeitslose und nun angehende Integrationslotsen.

 

Wir befinden uns in einer Bildungsmaßnahme der Arbeitsagentur und ich muss zugeben, dass es in solchen Kursen auch eher ungewöhnlich ist, Hausaufgaben aufzugeben, schon gar nicht am Freitag! Dazu kommt noch, dass meine „Schützlinge“ heute schon sechs Stunden lang sehr tapfer waren.

Wir haben nicht nur einschlägige Kulturmodelle besprochen, sondern später noch Paul Watzlawick und Friedemann Schulz von Thun in den Alltag geholt, das ist nicht ganz ohne für Menschen, die lange keine Schulbank mehr gedrückt haben. Nun sind wir irgendwie an Interkulturellen Kompetenzen, allen voran Empathie und Meta-Kommunikation, hängen geblieben. Alles, was ich mir für diese Woche vorgenommen hatte, haben wir geschafft, ich bin mit den Erfolgen dieser Woche sehr zufrieden und meine „Schüler“ liebäugeln insgeheim damit, dass ich sie an diesem schönen Frühlingstag ein paar Minuten früher ins Wochenende schicke. Und zwar OHNE Hausaufgaben, schließlich warten zu Hause genug Aufgaben. Und dann spreche ich doch dieses Wort aus, mit dem man sich als Dozent nur selten Freunde macht: „Hausaufgaben“. Und ich füge den bösen Satz hinzu: „Und ich frage jeden von euch am Montag ab!“

Und ich erkläre: „Wir haben heute und die ganze Woche intensiv über Regeln und Bedingungen für funktionierende Gemeinschaften gesprochen, jetzt ist es an der Zeit, dieses in die Tat umzusetzen. Die Hausaufgabe besteht aus drei Teilen: Vollbringt drei gute Taten:

  • Die erste gute Tat: für eine bekannte Person, einen Freund oder Verwandten.
  • Die zweite gute Tat: für eine unbekannte Person.
  • Und die dritte gute Tat: für eine ganz besondere Person: euch selbst.“

Am kommenden Montag sitze ich 20 strahlenden Gesichtern gegenüber. Ausnahmslos alle haben ihre Hausaufgaben erledigt.

Einem Freund oder Verwandten etwas Gutes zu tun, fällt nicht schwer. Aber man tut es zu selten ganz bewusst: Benjamin hat seinem Sohn ein Schlaflied gesungen, Tomek seit Wochen wieder mit seinen Eltern telefoniert und Svetlanas Nachbarn sind verreist gewesen, sie hat ihnen die Blumen gegossen und einen Teller Kekse als Willkommensgruß hingestellt.

Auch fremde Personen sind an diesem Wochenende nicht zu kurz gekommen: Hatice hat einem Touristen den Weg zum Dom gezeigt. Mihal hat einer Frau den Sitzplatz im Bus überlassen. Elena hatte ein nettes Wort und eine Mandarine für einen Obdachlosen.

Und was ist mit der dritten Aufgabe? Sich selbst auch mal bewusst etwas Gutes tun? Carmen war mit ihrer Freundin shoppen. Gregorios hat Samstagabend einfach die Füße hochgelegt und Sportschau gesehen. Und Pegah hat die Kinder mit ihrem Mann ins Kino geschickt und war im Museum. „Damit habe ich mehrere Aufgaben in einem erfüllt“, lacht sie.

Ich blicke in die Runde, sehe die von Stolz und kindlicher Freude geröteten Gesichter meiner „Schützlinge“. Hier wachsen nachdenkliche, engagierte und hilfsbereite Integrationslotsen heran und mich beschleicht das Gefühl, dass auch ich die Hausaufgaben erfüllt habe…

Gutes zu tun ist nicht schwer, wir tun es jeden Tag, aber leider tun wir es nur selten bewusst, sondern ganz beiläufig oder wie eine lästige Pflicht. Und vor allem vergessen wir die dritte Aufgabe und stattdessen erwarten wir insgeheim für unsere guten Taten einen Preis…. Genau wie ich, denn auch diese Geschichte, lieber Leser, hat ihren Preis: Drei gute Taten…

zum Artikel im MiGAZIN

 
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